Leah ist blöd

Falls ihr mal Studierende verunsichern wollt, ich weiß jetzt, wie das geht: Eine Freundin hat mich letztens gefragt, warum ich ihr immer morgens um halb sieben auf ihre WhattsApp Nachrichten antworte. Die Antwort ist ganz einfach: Ich sitze seit neuerem fast jeden Morgen aus Gründen an einem Schreibtisch neben dem ein Radio steht, das meistens an ist und den gesamten Vormittag über den gerade bei hippen, jungen Leuten wie beispielsweise, keine Ahnung, Johannes Floehr oder, was weiß ich, mir sehr beliebten Radiosender 1LIVE spielt. Wenn ihr euch also fragt, wer dieser Sektor ist, von dem da immer geredet wird: „Mahlzeit, ich bin Jan.“ Und ich kenne mittlerweile jedes der – Obacht, Gag – zahlreichen Lieder, dass eine Jugendwellen-konforme Zielgruppenrelevanz hat. Meine Oma hat einmal gesagt: „Ihr jungen Leute immer mit euren Ansprüchen: Smartphone, Internet, Weltfrieden – Wir hatten so was nicht, wir waren froh, wenn einmal in der Woche etwas anderes auf den Tisch kam als Milch- oder Kartoffelsuppe!“ Jetzt, wo ich die Playlist von 1LIVE mehrmals rauf und runter gehört habe, möchte ich ihr entgegnen, dass die Jugend von heute zumindest im Sektor – Mahlzeit, ich bin übrigens Jan – sehr wohl ganz schön bescheiden ist, immerhin reichen uns die permanent selben fünf angloamerikanischen Musikstücke und die neue Single von den Beginnern in Dauerschleife. So! Und statt Hitler hat meine Generation, Oma, auch „nur“ Beatrix von Storch gewählt! Bislang. #justsaying Aber vermutlich würde es meiner Oma ganz und gar nicht gut gefallen, wenn ich ihr das so entgegnen würde, schließlich hat sie ja das Land in dem ich heute lebe mehr oder weniger ganz alleine aufgebaut, weil Opa, der alte Drückeberger, ja im Osten geblieben war, Urlaub oder so, bis ganze neun Jahre nach Kriegsende. Okay, Oma und ihre gesamte Generation hatte das Land vorher quasi selbst abgerissen und Opa hatte sich seinen Osturlaub auch redlich verdient, aber darum geht es hier nicht – Es geht um die entscheidende Frage für Nachkriegsdeutschland: Was ist schlimmer – täglich Milchsuppe oder ausschließlich dieselben fünf Songs im Radio hören?

 

„Ne“ entgegnete die Freundin als ich ihr das erzählte „ich wollte nur wissen, ob du in Zukunft noch öfter so früh zurückschreibst, weil wenn ja muss ich herausfinden, ob der Handywecker auch im Flugmodus funktioniert.“ Als Jemand der in letzter Zeit häufiger Mal früh morgens an einem Schreibtisch sitzt, möchte ich an dieser Stelle zwei Dinge klarstellen: 1. Solche Probleme möchte ich haben – Nein wirklich, weil wenn das die eigenen Probleme sind, hätte ich vermutlich erheblich seltener das Bedürfnis der Abmahnabteilung der örtlichen Stadtwerke zuzurufen: „Alles Ziegenficker, ihr seid alles Ziegenficker!“ und 2. Manchmal hasse ich Studierende.

 

Apropos Hass: Wenn ich am Schreibtisch sitze, sitzt mir gegenüber meistens noch Jemand anderes. Das ist ganz praktisch, denn erstens kann ich so einige Sprichwörter, die ich von meiner Oma gelernt habe, wie „geteiltes Leid ist halbes Leid“ (Anmerkung: Stimmt nicht!) oder „mitgehangen, mitgefangen“ auftragen und außerdem kann man sich so immer wenn einem beispielsweise langweilig ist darüber beschweren, dass im Radio nur schlechte Musik gespielt wird. Oder wenn wir uns als Bürogemeinschaft mal streiten, drehe ich immer den Swag auf, pardon, dass Radio lauter, weil dann immer irgendjemand sagt: „Shwan Mendes fand ich schon scheiße, bevor deren Single kaputt gespielt wurde.“ Das fördert die Kommunikation, Kommunikation fördert die Teamarbeit, Teamarbeit erhöht die Produktivität – Meine Damen und Herren, die neue Kapitalismusformel lautet nicht Konkurrenz sondern Hass belebt das Geschäft. Und das wir uns über die Radioplaylist aufregen können ist doch ein Vorzug einer freiheitlichen Gesellschaft. Ich meine, selbst wenn 1Live aus Versehen mal zehn neue, gute Lieder in Folge spielen sollte, gibt es noch mindestens 5 andere Sender, die wir dann auswählen könnten und wo wir ziemlich sicher dann die neue Single von Cro, irgendwas von Helene Fischer oder Wagner hören könnten – Wutausbrüche garantiert.

 

Meine Oma hingegen die hat mittlerweile altersbedingte Laktoseintoleranz. Intoleranz ist natürlich generell nicht gut, aber so als Körper Laktose abzulehnen, wenn man abends doch Milchsuppe essen muss, weil es immer schon Milchsuppe gab, ist natürlich ziemlich unpraktisch. Oder Karma. Und dem eigenen Mann jedem Abend das Vater Unser vorzupupsen ist auch keine angebrachte Rache dafür, dass dieser einfach – Obacht, super unangenehmes Wortspiel – kackendreist zwischen 45 und 54 Urlaub gemacht und natürlich erst vom Zigaretten holen zurück nach Hause gekommen ist, als, wie sollte es anders sein, Fußball im Fernsehen lief.

 

Nein, da höre ich lieber 1LIVE. Marlon Rudette hatte zwar vermutlich nur diesen einen mittelgroßen Hit, aber für ihr Konto konnte sie damit ziemlich sicher – Obacht, Übersetzungswortspiel – ein neues Zeitalter einleiten. Und ein neues Zeitalter, das ist auch ein gutes Stichwort. Keine Ahnung, ob es diese Dialoge zwischen mir und meiner Oma so jemals gab, aber für diesen Text ist das alles doch auch ganz schön irrelevant. Denn prinzipiell ist die Vorstellung, dass sich irgendwo auf dieser Welt irgendjemand irgendwie hinsetzen kann und einen Song schreiben kann, der dann around the world beispielsweise happy macht, schon schöner als der überholte Ansatz, dass deutsche Musik deutsch zu sein hat. Und dass fast nie Jemanden gelingt ein eben solches Stück zu schreiben, ist in dieser Geschichte nicht mehr, als die nächste Metapher.

 

Die Möglichkeit das zu tun gibt es nämlich trotzdem. Selbst ich kann mich auf eine Bühne stellen und irgendwas zwischen 10 und 800 Leuten dazu bringen mir zuzuhören, wenn ich einen Text vortrage, der „Leah ist blöd“ heißt, weil ich mit eben jener Leah darum gewettet habe, ob ich einen Text vortrage würde, den ich „Leah ist blöd“ nenne. Und ich kann aus Wattenscheid dafür zu einer Bühne nach Krefeld-Fischeln fahren, um dieses Frauentausch-Gefühl, wenn du merkst, was es bedeutet, dass du gar nicht in eine Assi-Familie gekommen bist, live zu erleben, während meine Oma zuhause lediglich die Titelmelodie zu dieser Sendung fladuniert.

 

Aber mal im Ernst: Das steht gerade alles auf dem Spiel. Aber nicht, weil mein Schreibtisch-Gegenüber gestern ernsthaft meinte, dass die Musik bei WDR2 viel besser sei als bei 1LIVE, nur der Sprachanteil störe, obwohl doch jeder weiß, dass es genau anders herum ist, nein, es steht alles auf dem Spiel, weil exakt dieselben Leute, die meiner Oma halfen, als ihre Generation selbsteingebrockt nur Milch- oder Kartoffelsuppe hatte, heute nicht mehr mit uns an einem Tisch sitzen wollen. NRW Innenminister Ralf Jäger hat gesagt, neue Polizisten einzustellen, sei nicht einfach, weil es keinen Markt an arbeitslosen Polizisten gebe. Und weil wir uns gerade von jemand abhängig machen, der für einen solchen Markt in seinem Land zu sorgen beginnt, steht alles auf dem Spiel. Genauso wie alles auf dem Spiel steht, weil sich ein durch geknallter Irrer berechtigte Hoffnungen darauf macht, bald Zugang nuklearen Codes zu bekommen. Und aus vielen weiteren Gründen mehr.

 

Nein, das Fazit dieses Textes ist sicher nicht, dass die ständigen Wiederholungen im Radio bei 1Live unser kleinstes Problem sind – Und das sage ich nicht nur, weil ich das neue Aura-Album gehört habe. Vielmehr geht darum, dass wir vergessen haben, welche Fortschritte wir alle gemeinsam gemacht haben. Wir haben 1LIVE bekommen und die Milchsuppe behalten. Wir haben viel mehr Menschen die Freiheit gegeben frei zu sein. Werte verändern sich. Ein Wertekanon ist zeitabhänig: Homo-Ehe, Mindestlohn, Frauenwahlrecht und die Tatsache, dass man Regierungsmitglieder in einem künstlerischen Kontext „Ziegenficker“ nennen darf. Und wenn dieser Text hier Kunst ist, die Bühne auf der gerade stehe, gibt dieser These Recht, dann zieht euch warm an, ihr örtlichen Stadtwerke.

 

Es braucht keinen Gesang und auch keinen Atomschutzbunker, damit die Welt sich verbessert. Es braucht die Besinnung darauf, dass Fortschritt immer nur gemeinsam ging.

 

Und darum schreiben wir, die Freundin, mein Büro-Gegenüber, Oma, ihr alle und ich morgen einfach mal geschlossen an 1LIVE, dass wir beispielsweise, keine Ahnung, vielleicht auch mal KIZ im Radio hören wollen.

 

Vielen Dank.

 

Jan Bühlbecker.

Ein Typ. Und jede Menge Buchstaben.

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Kurzbio:

Jan Bühlbecker ist Poetry Slammer, Autor, Moderator, Veranstalter, Podcaster und Politiker aus Wattenscheid, Ruhrgebiet. Er wurde 1995 geboren, hält sich überdies gern auf Powerpoint-Karaoke-Bühnen auf, denkt und schreibt.

 

Stimmen:

"Der krasseste Wattenscheider seit James Bond." Sebastian 23

"Ein interlektuelles Feuerwerk." WAZ

"Der würdige Nachfolger von Frank Elstner." Serdar Yüksel

 

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